DIAGNOSEN


1. Unterschiedliche Sichtweisen zwischen Arzt & Paar

2. Sein Problem und ihre Behandlung

3. Ihr Problem und ihre Behandlung

4. Es liegt an beiden

5. Kein Befund

6. Aneuploidie: Die Evolution hat die Frauen von heute vergessen


 

1. Unterschiedliche Sichtweisen zwischen Arzt und Paar

Kinderwunschärzte bewerten den Schweregrad einer Diagnose anders als Kinderwunschpaare.

„Welche Chancen hat dieses Paar mit einer bestimmten Anzahl an IVF/ICSI – Versuchen?“ So denkt der Arzt – selbst wenn er es nicht offen kommuniziert

„Wie sind unsere Chancen, spontan schwanger zu werden?“ Diese Frage beschäftigt die meisten Paare zu Beginn der Diagnostik. Entsprechend „schwer“ oder „leicht“ schätzen sie ihre Diagnose ein.

Einige typische Beispiele für die unterschiedlichen Sichtweisen:

PAAR

ARZT

Mann, 38 Jahre: schwere Einschränkung des Spermiogramms (OAT 3).
Frau, 34 Jahre, kein auffälliger Befund.
Das Paar hat das Gefühl, die Chancen auf eine Schwangerschaft stehen ziemlich schlecht.

Sieht im Ultraschall, dass die Frau gut stimulierbar ist, d.h. dass ihre Eierstöcke durch eine Hormongabe mehrere befruchtungsfähige Eizellen in einem Zyklus produzieren können.
Das müssten wir mit  zwei bis drei ICSIs hinbekommen.
Gute Prognose!

Frau 41, Mann 45, Kinderwunsch besteht seit zwei Jahren.
Beide haben sich spät kennengelernt.
Beide sind ohne auffälligen Befund.
Das Paar ist erleichtert, es denkt: „Die Medizin wird es schon hinkriegen!“

Schnellstmöglich in die IVF/ICSI, damit wir noch genügend Eizellen bekommen.
Könnte sein, dass nur noch eine von zehn Eizellen genetisch in Ordnung ist.
Hoffentlich schaffen sie es noch…

Frau 28, Mann Anfang 30, Kinderwunsch besteht seit zwei Jahren.
Mann ohne auffälligen Befund, Frau leidet unter leichter Endometriose.
Das Paar hat große Hoffnungen auf eine spontane Schwangerschaft.

Da steckt mehr dahinter! Ein Befruchtungsproblem trotz normalem Spermiogramm? Vielleicht gibt es Probleme mit dem „Eiauffangmechanismus“?
Um die Befruchtungsfrage zu klären würde der Arzt einen diagnostischen IVF empfehlen, er sieht aber, dass das Paar noch nicht soweit ist.
Alternativ können sie aus seiner Sicht mit Inseminationen „hineinwachsen“ in die evtl. notwendige IVF.

Frau 38, eingeschränkte „ovarielle Reserve“; das bedeutet, dass die fruchtbare Zeit bald vorbei sein könnte.
Mann 38, leichte Einschränkung des Spermiogramms (OAT 1).
Kinderwunsch besteht seit 1,5 Jahren.
Das Paar denkt: „Wir sind immer noch deutlich unter 40, Eizellen sind vorhanden, die Spermien sind so la-la. Die vorgeschlagene IVF / ICSI wird uns schon helfen.“

Hoffentlich klappen die Stimulationen der Eierstöcke einigermaßen! Vielleicht drei bis vier Eizellen pro Stimulation, ergibt etwa einen guten Embryo pro Versuch. Und der muss auch noch genetisch in Ordnung sein – was ich ihm so nicht ansehe.
Das kann dauern. Das könnte eng werden.

Frau, 32, sehr langer Zyklus (Eireifungsstörung).
Mann, 31, Einschränkung des Spermiogramms (OAT 2).
Das Paar denkt: „Doppeltes Problem = schweres Problem.“

Sehr gute Chancen!
Stimulation bekomme ich hin, einfach Eierstöcke anschubsen!
Zur Sicherheit ICSI, um keine Eizelle zu verlieren.
Ein oder zwei Versuche bis zur Schwangerschaft – wenn sie Glück haben.

Für das Paar sind vor allem Diagnosen gravierend, die eine spontane Schwangerschaft weitgehend ausschließen: etwa Eileiterverschluss oder starke Einschränkung des Spermiogramms.

IVF-Ärzte haben andere „Feinde“, die sie auch „limitierende Faktoren“ nennen:

  1. fortgeschrittenes Alter der Frau (das Spermiogramm ist ihnen weitgehend egal, dafür gibt es ICSI)
  2. eingeschränkte ovarielle Reserve – selbst bei Frauen unter 40 Jahren
  3. nicht allzu gute Embryonenentwicklung bei den vorausgegangenen IVF/ICSI-Versuchen
  4. schlechte Befruchtungsrate trotz ICSI

 

2. Sein Problem und ihre Behandlung

Vorweg: Eingeschränkte Spermiogramme sind heute eine Zivilisationskrankheit. Unter langjährigen Biologen und IVF-Labor-Mitarbeitern im IVF-Labor kreist daher der Spruch „Die Männer werden immer schlechter“.

Aber: Kein Mann kann etwas für seine Diagnose! Außer er praktiziert bewusst fruchtbarkeitsschädigendes Verhalten, etwa Rauchen oder Anabolika-Missbrauch.

Eingeschränkte Spermiogramme können in den meisten Fällen weder durch Medikamente noch durch Operationen verbessert werden. Ergo: Das – eigentlich – männliche Problem muss an der Frau therapiert werden, konkret wird also seine Einschränkung ausgeglichen, indem sie eine ICSI macht.

Was bedeutet dies für die Paarbeziehung? Für die meisten betroffenen Männer ist es sehr schwer auszuhalten, was ihre Frau nur ihretwegen durchmachen muss. Akribisch und ohne etwas zu sagen beobachten sie deren psychische und physische Befindlichkeit.

Viele Männer geben ihre Frau auch kurz nach einer solchen Diagnose „frei“: „Ich möchte Deinem Lebenstraum nicht im Wege stehen. Mit einem anderen Mann kannst Du problemlos Kinder haben.“ Die meisten Frauen fühlen sich dadurch zurückgestoßen, sie denken: „Es ist doch unser gemeinsames Problem! Ich will von keinem anderen Mann ein Kind!“

Psychologisch betrachtet kommt es an diesem Punkt zu einer Neuentscheidung unter veränderten Rahmenbedingungen.

Frauen beurteilen die Lage nach einer ICSI-Diagnose ganzheitlich:

  1. Er ist der Mann, der es wert ist, dass ich ICSI für ihn mache.
  2. Er gleicht seine „Einschränkung“ in anderen Bereichen aus, da er ein sehr aufmerksamer und liebevoller Partner ist.
  3. Ich möchte ihn und keinen anderen als Vater meiner Kinder.
  4. Ich bin augenscheinlich gesund und kann seine „Einschränkung“ ausgleichen.

Auch bei einem sogenannten OAT-III Syndrom brauchen Biologen im IVF-Labor nur wenige Minuten, um genügend vitale Spermien für die punktierte Eizellen zu finden.  Das bedeutet: „ICSI-fähig“.

Schwierig, aber nicht unmöglich, wird es hingegen für die Embryologen, sobald das Spermiogramm an der absoluten Untergrenze ist. Dann suchen sie teilweise mehrere Stunden nach geeigneten Spermien – und gehen am Abend zufrieden nach Hause, wenn sie „fitte Jungs“ für ihre warmgestellten Eizellen gefunden haben.

Das sogenannte OAT-Syndrom macht nämlich nur eine Spontanschwangerschaft schwierig, weil  zu wenige „Kumpels“, sprich Spermien, an der Eizelle ankommen, um diese „biochemisch zu bearbeiten“. Dies aber ist notwendig, damit es am Ende ein Glücklicher schafft, tatsächlich in die Eizelle einzudringen.

Befruchtung ist Teamwork – sowohl bei einer spontanen Zeugung als auch im IVF-Labor.

Und: Ein ICSI-Mann ist ein normaler Mann – er hat nur eine Besonderheit.

 

3. Ihr Problem und ihre Behandlung

Bei 30 bis 40 Prozent aller Kinderwunschpaare liegt das Problem des Nicht-Schwangerwerdens an der Frau – sie ist die alleinige Diagnoseträgerin.  Sie hat zum Beispiel einen Eileiterverschluss, Eireifungsstörungen, Endometriose oder PCO, – während das Spermiogramm ihres Mannes in Ordnung ist.

Was passiert typischerweise zwischen den Partnern in dieser Konstellation? Die Frau ist aktionsorientiert und bereit alles dafür zu tun, damit ihr Problem erfolgreich behandelt wird.

Für sie gibt es Therapievorschläge.

Nicht selten ist jedoch der Mann mit der Geschwindigkeit seiner Frau überfordert. Er klinkt sich aus, an ihm liegt es schließlich auch nicht.

Die Partnerschaft stellt der Mann – in der Regel – nicht infrage, zumal er seine Partnerin mehr als Frau an seiner Seite sieht, denn als Mutter seiner potenziellen Kinder.

Das psychologische Risiko in dieser Konstellation liegt darin, dass die Frau die Behandlung allein durchzieht und aushält. Im Fall eines wiederholten Misserfolgs wird es also einsam um sie. Und erst dann spürt die Frau auch das deutliche Defizit an Unterstützung.

Wie lässt sich dieser Schieflage vorbeugen?

  1. Achten Sie als Frau darauf, ihren Mann zu „integrieren“ und jegliche Behandlungsentscheidung ergebnisoffen mit ihm zu diskutieren.
  2. Sagen Sie als Mann klar „Stop! Pause!“ wenn Ihnen der Zeugungs- und / oder Behandlungsstress zu groß wird.
  3. Zeigen Sie als Frau Ihrem Mann auch Ihre negativen Gefühle wie Selbstzweifel, Angst, Neid – selbst wenn Sie Angst haben, dass er dann nicht mehr mitmacht. Wenn Sie jedoch alles mit sich allein ausmachen, „platzen“ Sie irgendwann.

Sonderkonstellationen von „Ihr Problem und Ihre Behandlung“ gibt es manchmal bei den Diagnosen PCO und schwerer Endometriose. „Endemetriose-Frauen“ denken, wie schwer sie ihrem Mann das Leben mit ihren monatlichen Schmerzen machen. Und nun können sie ihm nicht einmal ein Kind schenken.

PCO-Frauen kämpfen oft mit Haut-und Gewichtsproblemen. Sie fühlen sich ohnehin häufig unattraktiv. Das Kinderwunschproblem kommt nun „on top“ dazu.

Leichter gesagt als getan: Lassen Sie das Problem Fruchtbarkeitsstörung nicht zu dem werden, was Ihre Persönlichkeit bestimmt! Sie sind mehr als das Problem! Achten Sie auf Ihre Attraktivität und auf Ihre Genussfähigkeit. Daraus beziehen sie Selbstwert als Frau.

 

4. Es liegt an beiden

Das ist psychologisch meist die einfachste Konstellation eines Kinderwunschpaares. Sowohl Mann als auch Frau könnten auch mit anderen Partnern nicht so einfach Kinder haben. Auf einer archaischen Fruchtbarkeitsebene ist zwischen beiden Partnern ein Gleichgewicht geschaffen.

„Da haben sich die zwei Richtigen gefunden“, sagen solche Paare daher oft.

Prognostisch gesehen ist es  in solchen Fällen keinesfalls doppelt so schwierig, schwanger zu werden. Die Chancen errechnen sich auch hier aus dem Alter der Frau und aus der Eizellanzahl sowie Embryonenqualität.

Nicht jedes Fruchtbarkeitsproblem ist gleich „schwer“ zu gewichten.  Eireifungsstörung und Gelbkörperschwäche sind zum Beispiel gut zu behandeln, etwa durch Hormongabe, ein stark eingeschränktes Spermiogramm hingegen nicht. Frauen sollten sich also nicht „kränker“ machen als sie es sind – nur um ihren Partner zu schonen.

 

5. Kein Befund

Keine Diagnose zu haben ist die schwerste Diagnose. Beide Partner wurden im Kinderwunschzentrum komplett durchgecheckt und nichts wurde gefunden.

Die innere Ursachensuche kann beginnen.

Sollten Sie eines dieser Paare ohne auffälligen Befund sein, ist es wichtig, Folgendes zu wissen:

  1. Psychogene Sterilität, also Unfruchtbarkeit aufgrund seelischer Leiden, ist sehr selten. Fortpflanzung funktioniert schließlich auch in ungünstigen Zeiten, sogar im Krieg.
  2. „Kein Befund“ lässt sich erst mit der ersten künstlichen Befruchtung gesichert feststellen. Befruchtet das normal aussehende Sperma wirklich bei der IVF? Oder braucht es doch eine ICSI? In letzterem Fall wissen Sie zumindest, dass sie ein Befruchtungsproblem haben.
  3. Über 40 ist es normal, dass eine Schwangerschaft ein bis zwei Jahre auf sich warten lässt. „Kein Befund“ bedeutet oft „Befund Altersfaktor“.

Keine Diagnose zu haben, wirft Sie in der Behandlungsentscheidung auf sich selbst zurück. Naturheilkunde? Psychotherapie? Entspannungsmethoden? Kinderwunschbehandlung?

Glücklicherweise verhaften betroffene Paare nicht allzu lang in einer einzigen der o.g. Methoden. Hat Methode X ein halbes Jahr lang nicht den gewünschten Erfolg gebracht, wird Methode Y ausprobiert.

Nach und nach werden alle Möglichkeiten einbezogen, um schwanger zu werden. Und das ist gut so.

 

6. Aneuploidie: Die Evolution hat die Frauen von heute vergessen

Die Natur des Menschen bringt es mit sich, dass genetische Fehlverteilungen in den Eizellen häufig sind – je älter die Frau, umso wahrscheinlicher. Die Veränderungen in der Eizelle entstehen meist spontan, das heißt sie haben nichts mit dem Erbgut der Frau zu tun, von der die Eizelle stammt. Man spricht dann von „Aneuploidien“. Dies bedeutet, dass in der Eizelle einzelne Chromosomen zusätzlich vorhanden sind oder fehlen.

Die bekannteste Aneuploidie ist die Trisomie 21 (Down Syndrom). Sie ist mit dem Leben vereinbar. Fehlverteilungen bei anderen Chromosomen sind genauso häufig, kommen aber meist nicht zur Geburt. Sie enden als schlecht entwickelter Embryo, als Nicht-Schwangerschaft oder als Abgang.

Die Natur hatte offenbar einst nicht vorgesehen, dass der Menschen älter als 40 bis 45 Jahre werden. Deshalb spielte die Fruchtbarkeit in diesem Alter für die Evolution keine Rolle mehr. Heute ist das anders. Und diese Tatsache limitiert daher leider den IVF-Erfolg – und auch die Chancen aller Frauen, die später eine Familie gründen wollen und auf eine spontane Schwangerschaft hoffen.

Die Anzahl und Struktur der Chromosomen für ein neu entstehendes Leben kann von Menschenhand – sprich vom IVF-Labor – nicht beeinflusst werden, ist aber der häufigste Grund für einen Misserfolg bei einer IVF-Behandlung.

Die Ursache der zufälligen Fehlverteilungen liegt darin, dass die Eizellen am Anfang des Lebens einmalig hergestellt werden – sprich Ihre Eizellen entstanden in der Schwangerschaft Ihrer Mutter mit Ihnen. Eizellen verharren dann in einer Art Ruhezustand („Diktyotän“). In diesem Zustand sind sie relativ „verletzlich“, was äußere Einflüsse betrifft, und es kommt – im Vergleich zu Spermien – relativ leicht zu Beschädigungen des Erbguts.

Für die hohe Häufigkeit von Aneuploidien beim Menschen gibt es viele Hinweise und Untersuchungen:

  1. Bei Frauen über 40 Jahren sind 80 bis 90 Prozent aller Eizellen „aneuploid“.
  2. Auch unter 40 Jahren produziert die Natur schon gut „Ausschuss“.
  3. Bei einer sogenannten Präimplantationsdiagnostik (PID) einem  „Aneuploidie-Screening“ haben genetische Labors gern mehrere Blastozysten eines Paares zur Untersuchung, damit wenigstens eine intakt ist – und es somit überhaupt zum Embryonentransfer kommen kann.
  4. Frauen deutlich jenseits der 40 werden mit gespendeten „jungen“ Oozyten (also Eizellen einer jüngeren, fremden Frau) sehr viel schneller schwanger und diese Schwangerschaften sind deutlich häufiger intakt. Allerdings ist die Eizellspende in Deutschland verboten. Wenn Kinderwunschfrauen an ihrer „defekten Einnistung“ verzweifeln, steckt also häufig der „aneuploide Embryo“ dahinter, der es gar nicht schaffen kann. Der Embryo (nicht die Gebärmutter!) ist der entscheidende Dritte!

Für diejenigen unter Ihnen, die dieses komplizierte Thema noch genauer interessiert, ist hier noch eine –  stark vereinfachte –  biologische Zusammenfassung:

Eizellen haben wie jede Körperzelle einen doppelten Chromosomensatz. Bevor das Sperma in die Eizelle eindringt, muss diese nach ihren eigenen Reifeteilungen einen Chromosomensatz ausschleusen. Schließlich bringt die Samenzelle einen halben Chromosomensatz für das möglicherweise entstehende Kind mit. Die Samenzelle wiederum hat ihre Reifeteilung bereits im Hoden abgeschlossen.

Dieses Ausschleusen gelingt oft nicht.

Bestimmte Chromosomen, etwa 7, 13, 14,16, 18, bleiben somit in der Eizelle „kleben“, sind also doppelt vorhanden und werden mit dem Chromosomensatz des Mannes dann zur Trisomie 7, 13 usw. Alle diese Trisomien sind nicht mit dem Leben vereinbar.

Schleust die Eizelle irrtümlicherweise beide oder Teile beider Chromosomensätze aus, spricht man von einer „Monosomie“. Diese führt ebenfalls zu keiner Schwangerschaft oder es kommt  zu einem Abort.

Patienten
Patienten

Patientin unter 35 Jahre
Patientin 35 – 37 Jahre
Patientin 38 – 40 Jahre
Patientin 41 – 42 Jahre
Patientin über 42 Jahre

Aneuploidierate
Tag-3 Embryonen

53,1 %
68,2 %
73,7%
85,5 %
92,6%

Aneuploidierate
Blastozysten

31,7 %
44,2 %
43,1 %
76,3 %
84,8%

Harton et al                                                                                        fertil steril 2013