BEHANDLUNG


12. Es ist ein Versuch, nicht mehr und nicht weniger

13. Der Embryo ist der entscheidende Dritte

14. Schaden negative Gedanken der Einnistung?

15. Lassen Sie Ängste und Hoffnungen zu

16. Werden Sie Sympathieträger für das IVF-Team

17. Realistische Chanceneinschätzung

18. Gedanken- und Gefühlskarussell in der Wartephase

19. Die Angst vor dem Schwangerschaftstest

20. Wie zählt ein Kyro-Versuch?

21. Schwangerschaft

22. Hilfreiche innere Sätze


 

12. Es ist ein Versuch, nicht mehr und nicht weniger

Wenn ein Versuch nicht geklappt hat, sind Sie „noch nicht schwanger“. In welche Richtung sich die Zukunft entwickelt, ist zu diesem Zeitpunkt unklar.

Geben Sie die Verantwortung über den Verlauf und den Ausgang des Behandlungszyklus‘ ab – an den IVF-Arzt und auch an so etwas wie das Schicksal.  Übernehmen Sie nur die Verantwortung dafür, wie es Ihnen und Ihrem Mann bzw. Ihrer Frau bei der Behandlung geht.

 

13. Der Embryo ist der entscheidende Dritte

Beim Embryonentransfer am Tag 5 hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Der Embryo hat an diesem Tag im Idealfall das sogenannte Blastozysten-Stadium erreicht.  Am Tag 2 oder Tag 3 schauen hingegen noch viele Embryonen gut entwickelt aus. Kommt es also schon so früh zu einem Transfer, lassen sich weitaus weniger Aussagen über die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit treffen als am Tag 5.

In den Köpfen der IVF-Ärzte blinkt bei einem Transfer mit zwei guten Blastozysten die Schwangerschaftsrate von 40 bis 50 Prozent auf. Allerdings lassen sich Blastozysten nicht herstellen. Sie entwickeln sich – oder eben nicht. Tag 5 Transfer ist „finaler“ – d.h. entweder werden Ihnen wirklich gute oder deutlich reduzierte Chancen kommuniziert. Letzteres wenn z.B. nur eine Morula und ein Vielzeller für den Transfer zur Verfügung steht.

Der „Biofaktor“ – sprich die Qualität des Embryos – spielt nach einem Transfer auch eine weitaus größere Rolle als der „Psychofaktor“, sprich die Einstellungen, Ängste oder andere Gedanken der betroffenen Frau, die endlich schwanger werden möchte.

 

14. Schaden negative Gedanken der Einnistung?

Ängste und Befürchtungen sind ein innerer Dauerzustand in der Wartephase, also nach dem Embryotransfer und vor dem ersten Schwangerschaftstest.

Kompliziert wird es, wenn sich die Frau fragt, ob ihre – oftmals vielen – negativen Gedanken womöglich der Einnistung schaden. Richtig ist, dass diese Gedanken die Schwangerschaftsrate nicht nach unten drücken. Das belegen Studien.

Eine schwedische Untersuchung kommt etwa zu dem Ergebnis, dass sowohl negativ als auch positiv denkende Frauen nach einer IVF gleich gut bzw. gleich schlecht schwanger werden. Entscheidend ist hierbei die Embryonenqualität. Will heißen: Die Frauen mit den besseren Embryonen wurden deutlich öfter schwanger als diejenigen mit den weniger potenten.

Die meisten Experten gehen schlichtweg davon aus, dass negative Gedanken zwar den Umgang mit der Behandlung, jedoch nicht die Schwangerschaftsraten verbessern. Trotzdem gibt es natürlich auch im Kinderwunschbereich einzelne Experten, die der Meinung sind, dass deren Methoden ultimativ dabei helfen, „Blockaden“ zu lösen.

Dennoch: Würde Psychologie helfen, schneller schwanger zu werden, hätte jedes Kinderwunschzentrum zwei bis drei Psychologen eingestellt, die jeden Tag zum Beispiel ein Entspannungstraining mit betroffenen Frauen machen. Da dies aber weltweit nicht der Fall ist, bleibt die „best practice“, die Wartephase einfach nur auszuhalten.

 

15. Lassen Sie Ängste und Hoffnungen zu

Eine Kinderwunschbehandlung eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Hoffnung und Angst wechseln sich in kurzen Abständen ab.

Hoffnung lässt sich eben nicht bei 30 Prozent einstellen – so hoch ist die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit nach einem Embryotransfer schwanger zu werden. In hoffnungsvollen Momenten malen Sie sich in zu 100 Prozent die Schwangerschaft und das spätere Leben mit ihrem Kind aus. Und das ist gut so! Zensieren Sie Ihre Träume nicht!

In weniger guten Momenten bekommen sie es aber wieder mit der Angst zu tun: Da jedoch verdrängte Ängste im „Untergrund“ wirken und sich Ventile schaffen, ist es letztlich besser, diese akute Angst zuzulassen und sie auszuleben. Zunehmend kann es dabei auch gelingen, die Angst aus einer „Helikopterperspektive“ wahrzunehmen: „Ok, da ist die bekannte Angst wieder, sie gehört dazu und vergeht auch.“

Nochmal: Ängste im Behandlungszyklus sind normal und verschlechtern nicht die Schwangerschaftschancen.  Das Akzeptieren der Angst ist somit kein selbstschädigendes Verhalten.

 

16. Werden Sie Sympathieträger für das IVF-Team

Die rund 130 deutschen IVF-Teams stellen schon seit Jahren fest, dass der Anteil an fordernden, schwierigen und respektlosen Paaren steigt. Insbesondere an der Anmeldung und am Telefon wird dies deutlich.

Aber: Kinderwunschpaare, die mit dem IVF-Team gut kommunizieren, fahren in der Behandlung weitaus besser als Patienten, die offensichtlich keinen Wert darauf legen. Erstere erhalten mehr Aufmerksamkeit, mehr Hintergrundinformationen, mehr gute Wünsche vom Teams. All das führt dazu, dass diese Paare trotz der Umstände noch relativ „gern“ ins Kinderwunschzentrum gehen. Und 20 bis 30 Besuche sind bei mehreren Behandlungensind schnell zusammen.

Vergessen Sie auch nicht: Eine medizinische Fachangestellte in einem Kinderwunschzentrum hat meist eine höhere Kompetenz als eine „normale“ Arzthelferin.

Das IVF-Labor hat oft wenig Patientenkontakt. Die Mitarbeiter dort tragen jedoch entscheidend zur Schwangerschaftsrate des Zentrums bei.

 

17. Realistische Chanceneinschätzung

Eine realistische Chanceneinschätzung entwickelt sich erst im Lauf der Zeit. Am Anfang hoffen Sie entweder zu 100 Prozent – oder Sie haben komplett negative Ahnungen. All dies findet aber nur in Ihrem Kopf bzw.  Bauch statt.

Psychologisch betrachtet ist es ohnehin so, dass „Hochwahrscheinliches“ eher unterschätzt und „Niedrigwahrscheinliches“ eher überschätzt wird. Konkret: Manche 25-Jährige denkt nach dem ersten missglückten IVF/ICSI-Versuch, dass sie nie schwanger wird – und manche 43-Jährige hat hingegen zu hohe Erwartungen.

Realistisch ist:

  • Frauen unter 30 Jahren haben eine gute Chance, dass Sie nach ein bis zwei IVFs/ICSIs schwanger sind.
  • Frauen Mitte 30 brauchen eher drei bis vier Versuche, um den Bereich von „guten“ Schwangerschaftschancen zu kommen.
  • Bei Frauen über 40, insbesondere über 42, 43, sind die Chancen deutlich geringer, sie liegen pro Versuch bei etwa 10-20% Prozent. Bei etwa der Hälfte dieser Schwangerschaften über 42 kommt jedoch es zu einem Frühabort so dass die Baby-take-home-Rate bei 5-10% liegt.
  • Entscheidend ist für den IVF-Arzt, wie gut eine Frau stimulierbar ist, da die Anzahl der Eizellen für alle weiteren Schritte sozusagen die Grundlage darstellt. („Das Stimulationsergebnis soll optimal und nicht maximal ausfallen.“ Wobei hier die Qualität der Eizellen entscheidend ist – viele Eizellen bedeuten nicht automatisch ein gutes „Befruchtungsergebnis“.)

Die eigene, realistische Chanceneinschätzung für kommt erst mit der Zeit. Misserfolg ist dabei leider der strenge Lehrmeister. „Weh“ tun den IVF-Teams Paare, die trotz guter Chancen vorzeitig aufgeben. Respekt haben die Teams vor jenen Paaren, die sich bewusst aufgrund niedriger Chancen aus der Behandlung verabschieden.

Ein alter Mediziner-Spruch gilt übrigens auch in der Kinderwunschbehandlung: Wahrscheinliches ist wahrscheinlich. Unwahrscheinliches ist unwahrscheinlich.

 

18. Gedanken- und Gefühlskarussell in der Wartephase

Wie sind Anzeichen und Symptome in der Wartephase zu interpretieren? Bin ich schwanger oder doch nicht?

Jede Frau versucht, körperliche Symptome in dieser angespannten Zeit irgendwie zu deuten. Das „Lieblingssymptom“ Ziehen im Bauch – Ziehen nach unten ist allerdings irreführend: Mal  kündigt es die herannahende Periode an, mal kann es der Vorbote einer Schwangerschaft sein.

Wenn eine Schwangerschaft eingetreten ist, kommt es zu einer verstärkten Zystenbildung, d.h. die Eierstöcke schwellen an, und diese spüren Sie dann als Ziehen und Druck. Das gilt aber nur bei einem sogenannten „Frischversuch“, nicht bei einem Kryo-Transfer, sprich bei der Übertragung von Embryonen, die nach einer früheren Hormonbehandlung eingefroren wurden.

Tendenziell (aber nur tendenziell!) negativ ist es, wenn im „Frischversuch“ Ihr Bauch zurückgeht und das Brustspannen nachlässt.

Leicht positiv zu interpretieren sind hingegen ein verändertes Geschmacks-und Geruchsempfinden.

Bei aller Symptominterpretation ist jedoch auch zu berücksichtigen, das Progesterontabletten oder auch Spritzen Ihr Empfinden verändern, gar verfälschen können.

Noch eine Rarität am Rande: Völlig unerforscht ist ein verändertes Verhalten Ihres Haustieres bei Eintritt einer Schwangerschaft. Einige schwangere Frauen berichten, dass Ihr Hund bereits in der Wartephase ungewöhnlich anhänglich war („HCG-Süchtling“), wohingegen ihre Katze auf Distanz ging. Ob wirklich was dran ist, wurde bislang nicht erforscht.

 

19. Die Angst vor dem Schwangerschaftstest

Für fast alle Frauen ist der (erste) Schwangerschaftstest sechs bis vierzehn Tagen nach dem Embryotransfer der schwierigste Moment im Behandlungszyklus. Er gliedert sich in zwei Momente auf: die Blutabnahme am Morgen und die Ergebnisübermittlung gegen Mittag oder am frühen Nachmittag.

Die Nacht davor und in den Stunden bis zum endgültigen Ergebnis haben die meisten Frauen bzw. Paare panikartige Gefühle. Gleichzeitig sind sie froh, dass endlich alles entschieden ist.

Auch im Kinderwunschzentrum zählen die täglichen Anrufe der sogenannten „hcg-Mitteilungen“ zu den schwierigsten Aufgaben (das hcg ist ein wichtiges Schwangerschaftshormon). Was soll man den Betroffenen Tröstendes sagen, wenn man doch weiß, dass am anderen Ende der Leitung gleich eine Welt zusammenbricht?

Für Sie als Paar gilt:

  • Es ruft derjenige im Kinderwunschzentrum an, der mehr Kraft hat als der andere.
  • Sie stellen sicher, dass Sie möglichst schnell bzw. schnellstmöglich nach der Arbeit zusammen sind.
  • Sie halten sich den Abend und die nächsten ein bis zwei Tage möglichst frei von sozialen Verpflichtungen.

Als Mann beachten Sie bei der Nachricht „hcg negativ“ folgende Dinge:

  • Ihre Frau ist jetzt kaum erreichbar für Sie.
    • Führen Sie die nächsten zwei Tage keine Grundsatzdiskussionen – schon gar nicht mit dem Antisatz „Wir können auch ohne Kind glücklich werden“.
  • Nehmen Sie Ihre Frau wortlos in den Arm.
  • Zeigen Sie in Maßen, wie traurig auch Sie sind.
    • Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie für einige Tage an den gefühlten Endpunkt kommen können: Egal, was ich mache, es ist immer falsch. Wirklich helfen kann ihr nur ein Kind.

Für Frauen ist es normal, dass sie zwei Tage durchweinen – bis sie innerlich leer sind. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, um über eine mögliche Beendigung der Kinderwunschbehandlung zu entscheiden. Nur ein Termin kann Ihnen jetzt unter Umständen Halt geben:  Ein Nach-Gespräch mit Ihrem IVF-Arzt.

Wichtig ist auch, dass Sie sich in den Tagen danach für Ihren Aufwand belohnen – auch wenn er (diesmal) nicht zum Erfolg geführt hat.

Und irgendwann, im Lauf des nächsten Monats, richtet sich Ihr Blick wieder langsam nach vorne.

 

20. Wie zählt ein Kryo-Versuch?

Wenn Kinderwunschexperten von drei IVFs oder ICSIs sprechen, meinen sie stets drei Stimulationszyklen.  Eventuelle Kryo-Behandlungen werden zur jeweiligen Stimulation dazu gezählt.

Wenn aus einer Stimulation ein „Frischtransfer“ und zwei „Kryotransfers“ entstehen, ist es mental hilfreich, die Behandlungen als 1a, 1b und 1c zu bezeichnen.

Manchmal sind Frauen enttäuscht, wenn keine Embryonen für eine sogenannte Kryokonservierung übrig bleiben. Dabei ist aber stets zu beachten, welche medizinische Strategie das jeweilige IVF-Zentrum bevorzugt.

Der „deutsche Mittelweg“ in der Interpretation des Embryonenschutzgesetzes besagt, dass maximal zwei entwicklungsfähige Embryonen pro Transfer entstehen sollen. Bei manchen Frauen müssen hierfür mehr Embryonen in einer speziellen Nährlösung kultiviert werden als bei anderen. Die Gründe sind unterschiedlich, entscheidend ist die Eizellen-Qualität.

Somit wird es zum Beispiel bei einem Paar, das in mehreren Vorzyklen Probleme mit der Embryonenqualität hatte, eher kein „Kryo“ geben, da erwiesenermaßen mehr Embryonen an den Start gehen müssen, damit es zwei bis zur Entwicklungsfähigkeit „schaffen“.

 

21. Schwangerschaft

Und eines Tages ist er doch positiv – der Schwangerschaftstest!

In den Stunden und Tagen danach tritt erst einmal ein ungläubiger hypnotischer Zustand ein. Doch die große Freude ist es zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht, denn Kinderwunschpaare wissen, dass bis zur Geburt vieles passieren kann.

In den ersten Wochen ist eine Schwangerschaft nach einem lange Zeit unerfülltem Kinderwunsch fast immer eine Angstschwangerschaft.

Viele Hürden sind zu überwinden:

  • Stabiler HCG-Wert bei der Blutentnahme
  • Nachweis einer (oder zweier) Fruchthüllen Anfang der 5. Woche
  • Herzaktion des Embryos Ende der 6. bzw. Anfang der 7.Woche

Sobald im Ultraschall ein Herzschlag festgestellt wird, überweisen die Kinderwunschzentren ihre Patientinnen zurück zum niedergelassenen Frauenarzt. Die Schwangerschaft gilt nun als intakt.

Gegen große Angstzustände in dieser Zeit hilft einzig und allein ein Ultraschall. Viele schwangere Kinderwunschfrauen organisieren sich daher engmaschige Untersuchungen in den ersten Wochen: Zweimal Ultraschall im Kinderwunschzentrum, einmal beim niedergelassenen Gynäkologen (zur Feststellung der Schwangerschaft) und noch einen weiteren für das sogenannte Ersttrimesterscreening beim Pränatalmediziner. Und meist noch einen zwischendurch – weil sie irgendetwas beunruhigt.

Etwa 20 Prozent aller IVF-und ICSI-Schwangerschaften enden als frühe Fehlgeburt (Abort, Abgang). Bei vielen dieser nicht intakten Schwangerschaften entwickelt der Embryo keine Herzaktion. Im Umkehrschluss bedeutet das: Sobald beim Embryo ein Herzschlag nachweisbar ist, sinkt das Abortrisiko deutlich unter 20 Prozent. Das „Unsicherheitsdenken“ bis zur 12. Schwangerschaftswoche kommt aus früheren Zeiten, in denen es keine engmaschige Ultraschallüberwachung gab. In vielen Köpfen ist es aber immer noch präsent.

Früher oder später vollzieht sich dann ein innerer Wandel, ein Identitätswechsel: weg vom Problem Kinderwunsch bis hin zur werdenden Elternschaft. Es dauert jedoch, bis im Kopf ankommt, dass Sie das Problem, das Sie lange Zeit definiert hat, jetzt nicht mehr haben. Die Schwangerschaft wird endlich Normalität.

 

22. Hilfreiche innere Sätze

Affirmationen sind kurze, prägnante Verstärkersätze, die Sie während der Behandlung innerlich unterstützen.

Glaubenssätze oder „beliefs“, wie sie auf Englisch heißen, sind innere Überzeugungen oder inneres Wissen.

Affirmationen sagen Sie sich also vor – „beliefs“ hingegen „glauben“ Sie.

Hoffnung liegt im Graubereich zwischen Affirmation und Glaubenssatz.

Kinderwunschfrauen haben mit folgenden Sätzen positive Erfahrungen gemacht:

  • Ich weiß (hoffe), dass ich schwanger werde, ich weiß nur nicht, beim wievielten Versuch.
  • Es ist nur eine Frage der Zeit!
  • Ich mache das so lange, bis ich schwanger bin – außer ich verliere vorher die Motivation dazu (die finanzielle Frage ist hier nicht berücksichtigt).
  • Wir sind ein Paar, das es so oder so miteinander schafft.
  • Das Kind kommt zu seiner Zeit. IVF ist nur eine Einladung.