DAS GROSSE GANZE


61. Unerfüllter Kinderwunsch ist eine schwierige Lebensphase

62. „Warum ausgerechnet ich?“

63. Es ist so wie es ist

64. Irgendwie und irgendwann kommen die meisten Paare doch zu einem Kind

65. Die Lösung ist, dass es momentan keine Lösung gibt

66. Das worauf Sie Ihre Aufmerksamkeit richten, wird mehr


 

61. Unerfüllter Kinderwunsch ist eine schwierige Lebensphase

In jedem Leben gibt es Zeiten der Unsicherheit, des längeren Misslingens und von Schmerz. Wer Leid als zum Leben dazugehörig betrachten kann, kann auch den unerfüllten Kinderwunsch in einen größeren Zusammenhang stellen.

Für viele Menschen gibt es einen Gesamtausgleich: Positives und Negatives aus vielen Lebensbereichen halten sich langfristig gesehen die Waage. Es gibt einen Gezeitenwechsel, einen Knackpunkt, von dem aus alles anders läuft. Bei Kinderwunsch ist dies ein positiver Schwangerschaftstest – der zunächst Ungläubigkeit auslöst.

In die schwierige Lebensphase Kinderwunsch gehört, dass Fruchtbarkeitsprobleme die gesamte Persönlichkeit labil machen. Auch die fortwährende Suche nach der ausgefeiltesten Therapiemethode verschlingt Kraft und Energie.

Tröstlich dass unerfüllter Kinderwunsch nur in einer bestimmten Phase maximal weh tut. Vorher war es leichter, nachher wird es wieder besser.

 

62. „Warum ausgerechnet ich?“

Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muss man es aber vorwärts.

Søren Kierkegaard (1813-1855)

Dinge, die Sie nicht akzeptieren, können Ihre Gedanken vollkommen vereinnahmen. „Was habe ich verbrochen?“, fragen sich alle Kinderwunschfrauen. „Warum ausgerechnet ich?“ Auch vergleichen sich viele mit anderen Frauen, die problemlos schwanger wurden. Oder sie reiben sich an der Vorstellung von (Teil-)Familien auf, in denen Kinder emotional vernachlässigt und misshandelt werden.

Durch das Vergleichen entsteht jedoch ein Abhängigkeitsverhältnis zu Ihren Ungunsten: Ihnen geht es stets schlechter als den Vergleichspersonen. In Wirklichkeit sind diese Personen aber nicht „besser“ als Sie. Sie haben eben nur nicht dieses Thema, sondern im Zweifelsfall einfach ein anderes (was nicht zwangsläufig weniger wiegen muss).

Haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, warum Sie zum Beispiel an keiner chronisch-degenerative Erkrankung leiden? Wahrscheinlich nicht.  Glück gehabt? Oder wie bewerten Sie es sonst?

Es ist jedoch völlig normal, dass Sie sich die „Warum-Frage“ stellen. Und: Sie werden sie auch solange stellen, bis Sie erkennen, dass es darauf keine Antwort gibt. Tatsache ist: Auch beim Kinderwunsch gibt es keine Gerechtigkeit.

Sie gehören zu den 10 Prozent von Paaren, die Fruchtbarkeitsprobleme haben und deshalb einen längeren Weg gehen müssen, um am Ende – wahrscheinlich – an ein Kind zu kommen.

 

63. Es ist so wie es ist

Ein Problem anzunehmen, ist ein langer, unangenehmer und widersprüchlicher Prozess mit häufigen Rückschlägen. Akzeptieren heißt unter den gegebenen, zum Großteil begrenzten Wahlmöglichkeiten die beste auszuwählen und umzusetzen. Es ist ein Einverstanden-Sein mit in gewisser Weise schicksalshaften Bedingungen.

Sie wissen heute nicht, wie lang oder wie kurz Ihr Kinderwunschweg sein wird. Sie wissen nicht, ob er sicher zu einem Kind führt, selbst wenn Ihnen Mediziner gute Chancen einräumen.

Akzeptieren heißt bei einem unerfüllten Kinderwunsch, dass Sie Ihr Problem annehmen. Dass also eine Schwangerschaft nicht sofort eintritt, dass Sie Mühen auf sich nehmen müssen für ihr Ziel – und dass der Ausgang trotz allem unsicher bleibt. Aber: Akzeptieren bedeutet nicht, dass Sie zum jetzigen Zeitpunkt eine endgültige Kinderlosigkeit annehmen müssen.

„Don´t cross the bridge until you come to it.“ (Überquere die Brücke nicht, wenn Du noch nicht hingekommen bist.) Das sagt ein englisches Sprichwort. Alles hat seine Zeit. Konzepte, die Sie sich heute über eine eventuelle endgültige Kinderlosigkeit machen, sind lediglich theoretische Konstrukte – und in fünf bis zehn Jahren höchstwahrscheinlich nicht mehr aktuell. Trotzdem ist ab einem gewissen Zeitpunkt ein Plan B, über den sich beide Partner einig sind, hilfreich.

 

64. Irgendwie und irgendwann kommen die meisten Paare doch zu einem Kind

Viele Professionelle, die mit Kinderwunschpaaren arbeiten, erhalten oft Jahre nach der aktuellen Beratung/Behandlung Geburtsanzeigen oder Adoptionsmitteilungen. Ein ähnlich positives Ergebnis zeigt sich aufgrund von Anrufen, die Mitarbeiter von Kinderwunschzentren bei ehemaligen Patienten machen. Viele Paare haben in der Zwischenzeit ein Kind bekommen.

Langjährig kinderlos zu sein macht offen für neue Wege. Auch wenn es manchmal schwer fällt: Sehen Sie Ihr derzeitiges Kinderwunschproblem nur als eine Lebensphase. Über den Gesamtausgang ist meist noch lange nicht entschieden.

 

65. Die Lösung ist, dass es momentan keine Lösung gibt

Das Schwierige an unerfülltem Kinderwunsch ist, dass es kaum so etwas wie Selbstwirksamkeit gibt. Darunter verstehen Psychologen, dass Sie zum Beispiel Ihren Lebenstil ändern, etwa abnehmen, und dass sich dadurch womöglich ihre Blutwerte verbessert haben. Aus A folgt B – und Sie haben einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet.

Bei einem unerfüllten Kinderwunsch gibt es solche Kausalitäten so gut wie nie. Und das führt bei vielen Menschen zu einem Gefühl der Machtlosigkeit und des Kontrollverlustes. „Schwangerschaften passieren auf einer anderen Ebene“, antworten Reproduktionsmediziner öfter, wenn Sie keine klare Antwort auf die Frage haben, warum eine Behandlung nicht geklappt hat. Der Embryo ist der entscheidende Dritte. Die Erfüllung des Kinderwunsches hat auch eine spirituelle Dimension. IVF/ICSI sind „nur“ eine Art Einladung an das Kind.

 

66. Das worauf Sie Ihre Aufmerksamkeit richten, wird mehr

Ein unerfüllter Kinderwunsch fühlt sich oft wie ein Bleimantel an, von dem man vollständig umhüllt ist. Wenn Sie immer wieder Gefühle des Mangels und der Benachteiligung in sich kultivieren, erzeugen Sie einen Sog nach unten. In Phasen, in denen Sie viel Sehnsucht verspüren, wir die Sehnsucht durch das ständige sich Sehnen nur noch mehr. Selbstmitleid ist demzufolge lediglich bis zu einem gewissen Grad in Ordnung.                                                                                                                                                            Durch mentale Disziplin können Sie wiederum bis zu einem gewissen Grad lernen, Ihre negativen Gedanken und Gefühle zu begrenzen. Manchmal hilft auch nur „kalter Entzug“ (Stopp von Internetrecherchen, Pause in der Kinderwunschbehandlung) und neue Aktivitäten.

„Way out“ bedeutet: Richten Sie Ihre Energie auf andere Dinge als ihre – allmächtige – Sehnsucht nach einem Baby, auch wenn Sie anfangs wenig Lust dazu verspüren.