ENTSCHEIDUNG


7. Entscheidung unter Ungewissheiten

8. Warten auf den Partner

9. Drei Versuche plus X

10. Entscheidungslähmung

11. Eine unterlassene Entscheidung ist auch eine Entscheidung


 

7. Entscheidung unter Ungewissheiten

Niemand wählt den Weg der künstlichen Befruchtung ohne Not. Es gibt handfeste Gründe dafür: etwa harte Diagnosen, langjährige Unfruchtbarkeit ohne klare Ursache (idiopathische Sterilität), fortgeschrittenes Alter.

Es gibt keine Garantie, dass Sie über den Weg der Kinderwunschbehandlung schwanger werden. Es ist ein Versuch – nicht mehr, nicht weniger. Aber: Es gibt Wahrscheinlichkeiten, wie hoch die sogenannte kumulative Geburtenrate nach mehreren Behandlungen ist. Sprich: Nach wie vielen Versuchen man mit hoher Wahrscheinlichkeit ein gesundes Baby zur Welt bringt.

Psychologisch beschreiten Sie mit einer Kinderwunschbehandlung einen ergebnisoffenen Weg.

Sich dafür zu entscheiden, ist stets eine Entscheidung unter Ungewissheiten:

• Führt der Weg zu einem Kind?
• Wie geht es uns als Paar dabei?
• Wie wirken die Hormone bei der Frau?

All diese Fragen lassen sich erst im Nachhinein beantworten. Sie haben jedoch zu jeder Zeit die Freiheit, den Weg der Kinderwunschbehandlung zu verlassen.

Viele Paare vergessen auch auf diesem Weg, dass es unter Umständen doch noch zu einer Spontanschwangerschaft kommen kann. Den berühmten Vierer oder Fünfer im Lotto gibt es tatsächlich öfter. Nutzen sie also jede Chance.

 

8. Warten auf den Partner

Meist ist einer von beiden Partnern die treibende Kraft bei der Diagnose und einer möglichen  Kinderwunschtherapie. Das ist für die Paarbeziehung nicht immer einfach. Dennoch gilt: Der schnellere Partner wartet auf dem Langsameren – und umgekehrt. Sonst kann es zu einem bösen Erwachen im Fall von Misserfolgen kommen: „Ich habe ja nie richtig ,ja‘ gesagt“, meint etwa der Partner, dem es zu schnell ging.

Da wiederum für ein „Nein“, ein Partner genügt, es für ein „Ja“ allerdings beider Partner bedarf, kann in diesem Fall ein Problem in die andere Richtung: wenn nämlich der unentschiedene Partner den anderen blockiert.

Auf einer – sachlichen medizinischen – Ebene ist folgendes Vorgehen sinnvoll:

• Suchen Sie nach ein bis zwei Jahren unerfülltem Kinderwunsch ein Kinderwunschzentrum auf. Diagnostik bedeutet ja noch nicht Therapie! Wenn Sie keinen auffälligen Befund erhalten – sprich keiner von beiden Partnern in seiner Fruchtbarkeit eingeschränkt ist –, dann können Sie sich oft noch Zeit geben, also weiter versuchen, spontan oder mithilfe von Zyklusmonitoring schwanger zu werden. Dies gilt aber nicht unbedingt wenn Sie auf die 40 zusteuern!

  • • Sollte die Diagnostik ergeben, dass Sie eine mittelgradige oder gravierende Fruchtbarkeitseinschränkung haben, stehen Sie vor der aktiven Entscheidung für oder gegen eine Kinderwunschbehandlung.

Durchschnittlich vergehen 3,7 Jahre bis Paare die erste IVF/ICSI in Anspruch nehmen (vgl. Deutsches IVF-Register).

Erdbeben in der Paarbeziehung entstehen

  1. wenn ein Partner die Diagnostik verweigert bzw. verzögert.
  2. wenn nach vier bis fünf Jahren unerfülltem Kinderwunsch erstmalig eine harte Diagnose fällt.
  3. wenn ein Partner gegen eine Therapie ist, kurz vor dem 40. Geburtstag der Frau doch noch eine Therapie begonnen wird – aber dann Misserfolg auf Misserfolg folgt.

Verpasste Chancen belasten mehr als die Folgen falscher Entscheidungen. Innere Vorwürfe an den Partner und Schuldzuweisungen sind die Konsequenz.

Zusammengefasst: Der schnellere Partner gibt bei der Diagnostik das Tempo vor, denn er hat das – stärkere –  Bedürfnis zu wissen, woran er ist.

Umgekehrt ist es beim Therapie-Einstieg: Hier wartet der schnellere Partner auf den Langsameren, denn es macht wenig Sinn, eine Kinderwunschbehandlung zu beginnen, wenn ein Partner „noch nicht so weit ist“.

Glücklicherweise ist es für viele Paare ein wechselseitiger Beeinflussungsprozess. Jeder der beiden Partner segelt im Windschatten des anderen. Entscheidungen werden gemeinsam gefällt.

 

9. Drei Versuche plus X

Gehen Sie nicht davon aus, dass Sie bei der ersten Behandlung schwanger werden. Meist bedarf es mehrerer Versuche. In den Bereich von „interessanten“ Schwangerschaftsraten kommen Sie erst mit der sogenannten kumulativen Schwangerschaftsrate.

Die Schwangerschaftsrate pro Embryonentransfer beträgt durchschnittlich 32 Prozent. Ihre Chancen können individuell höher oder niedriger sein – je nach Alter, Eizellanzahl, Befruchtungsrate und Embryonenqualität.

Seit dem 1. Januar 2004 begrenzen die Gesetzlichen Krankenkassen die (mit-)finanzierte Anzahl der Behandlungen auf drei. Bis Ende 2003 konnte jede Frau unter 40 Jahren noch vier bis sechs voll finanzierte IVF/ICSI in Anspruch nehmen.

Die Begrenzung auf drei finanzierte künstliche Befruchtungen führt bei vielen Paaren zu einer mentalen Begrenzung im Kopf: Nach drei Misserfolgen sehen sie sich oft als chancenlos, vielleicht sogar als „austherapiert“ an. Das ist aber ein Trugschluss. Entscheidend ist die die sogenannte kumulative Geburtenrate – die nach sechs Therapiezyklen altersabhängig bei 72 bis 86 Prozent liegt (www.deutsches-ivf-register.de / Jahrbuch 2014; S.10).

„Drei Versuche plus X“ bedeutet, dass Sie nach drei Misserfolgen nicht zwingend den Kopf in den Sand stecken müssen. Von Mal zu Mal können Sie entscheiden ob Psyche, Geldbeutel und bisheriger Verlauf einen weiteren Versuch möglich machen. Sprechen Sie auch ruhig mit Ihrem behandelndem Arzt darüber.

 

10. Entscheidungslähmung

Die Entscheidungsfreiheit kann Probleme verursachen. Menschen, denen insgesamt Entscheidungen schwer fallen, plagen sich oft lange mit einer Entscheidung für oder gegen eine Kinderwunschbehandlung. Gleiches gilt für die Entscheidung, mit der Behandlung aufzuhören, weil frühere Versuche stets erfolglos geblieben sind. In beiden Fällen ist und bleibt es eine Entscheidung unter Ungewissheiten: Niemand kann Ihnen ein Baby garantieren. Dennoch: Je länger man jedoch eine Entscheidung hinausschiebt, umso weniger wird man seine Unentschlossenheit überwinden (vgl. prospect theory).

Wenn Sie unter Entscheidungslähmung leiden, setzen Sie sich eine „deadline“ und legen Sie diese „deadline“ auch als Paar gemeinsam fest. Sprechen sie das auch ruhig laut aus.

 

11. Eine unterlassene Entscheidung ist auch eine Entscheidung

Wenn Sie sich gemeinsam als Paar nicht für eine Kinderwunschbehandlung entscheiden können, ist dies auch eine Entscheidung. Ihr Unterbewusstsein hat Einwände, oder Ihr Kinderwunsch ist nicht stark genug ausgeprägt. Meist ist dabei der Treiber die Hoffnung auf eine Spontanschwangerschaft.

„Wir haben es einfach immer wieder hinausgeschoben und dann war es eh zu spät“, beschreibt das Empfinden dieser Paare ziemlich treffend. Eine unterlassene Entscheidung verläuft innerlich ruhiger als eine Entscheidungslähmung.

Machen Sie sich stets klar: Kinderwunschbehandlung ist eine Wahl- bzw. Wunschmedizin.